Junges Bürgerhaus Unterföhring: Der Kanzler – er MACHT mehr

  • Das Projekt

    Dieses Stück entstand im Rahmen des theaterpädagogischen Konzeptes Bürgerbühne Unterföhring.

    Zuerst war geplant, das Stück „Die Welle“ mit den jungen Menschen zu inszenieren. Aus verschiedenen Gründen entschied man sich jedoch, stattdessen in einem iterativen Improvisationsprozess selbst ein Stück zu entwickeln rund um die Themen Mobbing, Manipulation und Rechtsextremismus. Es entstand das Stück „Der Kanzler – er MACHT mehr“.

    Die Aufführungen fanden am 22. und 23. September 2017 statt.

    Wir danken der Gemeinde Unterföhring und dem Kulturamt Unterföhring für die vollständige Finanzierung und Unterstützung dieses Projektes.

  • Das Stück

    Der Kanzler – er MACHT mehr

    Die neue Partei RfD gewinnt mit ihrem Bürgermeisterkandidaten in der Gemeinde Armingen die Wahl. Schon bald spürt die Gemeinde starke Veränderungen:

    Aus Armingen wird Reichingen, die selbstherrliche RfD gewinnt zunehmend an Einfluss und Macht. Die wenigen Andersdenkenden werden aus der Dorfgemeinschaft gemobbt. Widerstand zwecklos. Mit Ironie, Witz und Sarkasmus bringt das Junge Bürgerhaus eine Politsatire auf die Bühne. Handlung und Bühnenfiguren sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden, toten, öffentlichen Personen wäre rein zufällig.

  • Mitwirkende

    Regie, Dramaturgie, Theaterpädagogik und Projektleitung Anschi Prott
    Teilnehmer Lukas Friedrich, Maria Abuter Grebe, Lara Kastner, Vincent Kruthof, Alina Leddin, Anita Martini, Alexandra Rader, Charlotte Reinecke, Luis Staiger, Madelin Schorb, Moritz Törsiep, Ramona Varoß, Fabrice Vetter, Tobias Volner
    Gastmusiker Philipp Kolb
    Fotografie, Video Andreas Prott
  • Presse-Echo

     

    Süddeutsche Zeitung, Freitag 16. September 2016 - Gefühle zeigen, ohne sich dafür zu schämen

    Süddeutsche Zeitung, Freitag, 16. September 2016

    Gefühle zeigen, ohne sich dafür zu schämen

    Das „Junge Bürgerhaus Unterföhring“ gibt 14- bis 28-Jährigen eine Bühne. Für das Theaterprojekt werden noch bis Ende September Schauspieler gesucht. Sie studieren unter professioneller Regie das Stück „Die Welle“ nach Morton Rhue ein

    Unterföhring – Eine Gruppe, ein Stück, ein Jahr, unter professioneller Regie. Das ist das theaterpädagogische Konzept der Gemeinde Unterföhring. Sie will Jugendliche zwischen 14 und 28 Jahren dazu anstiften, beim Stück „DieWelle“ mitzumachen: auf die Bühne treten, eine fremde Rolle spielen, den Applaus wollen. Es geht darum, Spaß zu haben, sich auszuprobieren und – ganz nebenbei –wichtige Schlüsselkompetenzen fürs Leben und den Beruf mitzunehmen. Regie führt Anschi Prott, 50, professionelle Schauspielerin, Regisseurin und Theaterpädagogin. In „Die Welle“, dem dokumentarischen Klassiker nach Morton Rhue, geht es um ein Faschismus-Experiment, das den Schülern zeigen sollte, wie leicht es in einer Gruppe zu Manipulation und Unterwerfung kommen kann.

    Prott hat 2014 das tim-Theater (Theater ist mehr) gegründet, gibt Workshops in Schulen und Unternehmen und lebt seit 19 Jahren in Unterföhring. Warum Theater über sich hinauswachsen lässt, weshalb es wichtig ist, zu widersprechen, und wieso es heilsam ist, seine Wut rauszulassen, erklärt die Regisseurin im Interview.

    SZ: Warum soll die Welle und nicht der Werther auf die Bühne?
    Anschi Prott: Der Film „Die Welle“ mit Jürgen Vogel hat viele Jugendliche begeistert, unser Ziel ist es, natürlich möglichst viele Jugendliche fürs Theater zu interessieren.

    Was in dem Stück könnte besonders interessieren?
    Ich arbeite oft in Schulen und erfahre, dass Mobbing und Manipulation große Themen für die Jugendlichen sind.

    Sie holen den Alltag ins Theater?
    Ich beziehe die Erfahrungen, die Jugendliche machen, in die Inszenierung mit ein. Was sie erlebt haben, sollen sie improvisiert spielen, es wird Teil des Drehbuchs. Am Ende steht dann eine Mischung aus der Welle und der Lebenswirklichkeit der Schüler.

    Sie fordern Ihren Schauspielern also nicht nur ab, Text auswendig lernen und zum Ausdruck bringen, sondern machen sie gleichzeitig zu Co-Autoren?
    Ich verstehe Theaterpädagogik so, dass Schüler ihre eigenen Erfahrungen miteinbringen. Das Theater bietet einen geschützten Raum, in dem sie Gefühle zeigen können, die sonst tabu sind. Viele kämpfen mit Ängsten, stecken fest in Zwängen, vieles ist ihnen peinlich.

    Klingt nach Verhaltenstherapie.
    Oh nein, Theaterspielen darf nicht als Therapie verstanden werden. Aber natürlich wirkt es befreiend, wenn man hier all jene Gefühle ausleben darf, die man sonst verstecken muss. Es geht im Theater nicht ums richtige oder falsche Tun. Die Jugendlichen sollen sich einfach darin bestärkt fühlen, sie selbst zu sein und sich nicht stets so zu benehmen, wie es von ihnen erwartet wird. Es tut gut, hin und wieder aus den „Du-musst-Geboten“ auszubrechen.

    Wie geht das? Die Jugendlichen beschäftigen sich ja nicht mit sich selbst, sondern mit ihrer Rolle.
    So funktioniert’s. Die fremde Rolle ist es ja gerade, die über sich selbst nachdenken lässt.Werwill ich sein,wie will ich gesehen werden, wie will ich mich zu anderen abseits der Bühne verhalten? Gerade weil ich nicht mich selbst spiele, ich mir nicht mein ganzes Universum sein darf, entwickle ich Empathie, Teamfähigkeit, Respekt, Reflexions- und Kritikvermögen. Das schafft Selbstbewusstsein.

    Sie machen die jungenLeute fit für den Arbeitsmarkt?
    Was die Jugendlichen im Theater lernen, können sie in jedem Beruf brauchen. Diese Schlüsselqualifikationen erwerben sie aber spielerisch, nebenbei, frei von Druck – das ist der Unterschied zur Schule. An erster Stelle stehen Spaß und die Lust am leidenschaftlichen Spiel.

    Am Ende vor Publikum wird’s dann aber doch ernst.
    Ja, das ist wirklich wichtig, dass die Proben in Aufführungen enden, in einem professionellen Haus. In der Schule spielen die Jugendlichen vor ihren Freunden, den Eltern. Im Bürgerhaus müssen sie fremdes Publikum begeistern, sich ihren Applaus verdienen, sich richtig reinhängen. Das lässt sie über sich hinauswachsen.

    Bei Morton Rhue gerät das Schüler-Experiment „Die Welle“ aus den Achtzigerjahren außer Kontrolle, als es zu Gewalt gegen die kommt, die sich der Bewegung nicht anschließen wollen. Ist es heute, in Zeiten der Individualisierung, nicht viel einfacher, anders zu denken und anders zu sein als die anderen?
    Nein, ich denke, es ist nicht einfacher. Das ist das Verführerische an der Welle: Die Gemeinsamkeit, die jeder von uns sucht. Wer sich dieser Gemeinsamkeit entzieht, wird zum Außenseiter. Und das Nicht-Dazugehören ist für viele das Schrecklichste.

    Die Welle folgt drei Maximen: Macht durch Disziplin, Gemeinschaft und Gleichheit. Das sind doch annehmbare Bedingungen, um kein einsamer Wolf zu sein, oder?
    Dass viele damit einverstanden sind, macht „Die Welle“ deutlich. Aber die Kunst in einer tatsächlich gelebten Demokratie ist es, denen zuzuhören, die der Mehrheitsmeinung nicht zustimmen; den Unruhestiftern, die sich trauen, zu widersprechen. Ein zu starkes Wir-Gefühl, zuviel zweifelsfreie Überzeugung kippt schnell.

    Ist das Mitläufertum also das Natürlichste der Welt?
    Ich denke schon. Je globalisierter, je komplexer die Welt um uns herum ist, desto größer ist das Bedürfnis nach starker Führung. Die Schüler in „Die Welle“ waren vom totalitären Unterricht begeistert. Es ist ja auch einfach und bequem, die Verantwortung abzugeben, wenn man überfordert ist, weil man den Möglichkeiten und Anforderungen ohnmächtig gegenüber steht. Also ein leichtes Spiel für Verführer mit einfachen Antworten. Und oft bemerken die Verführten ihre Unterwerfung
    nicht einmal.

    Wem oder was unterwerfen sich die jungen Erwachsenen heute, ohne zu hinterfragen?
    Dem Erfolg. Es geht sehr stark ums Erfolghaben, um Leistung und Status. Ich beobachte, dass die Jugendlichen den hohen Erwartungen, die der Arbeitsmarkt an sie stellt, gerecht werden wollen. Früher zu meiner Zeit waren die Jungen viel entspannter, hatten kein schlechtes Gewissen beim Zurücklehnen. Es war uns egal, ob es ein 1,6- oder ein 3,0-Abi wird. Wer heute ein 3,0-Abitur macht, ist am Boden zerstört, glaubt, nichts wert zu sein. Schule hat eine dramatische Schwere bekommen, obwohl man noch so jung ist und alle Wege offen sind.

    Sollte man allein schon deshalb Theater spielen? Um sich mal locker zu machen?
    Klar. Auf der Bühne zu stehen, heißt, wütend sein dürfen, schreien, lachen, fluchen – zu empfinden, ohne sich zu schämen.

    Demnach wird es wohl laut und schmerzbefreit zugehen bei der Premiere im September 2017?
    Trotz der ernsten Thematik wird es viel zum Lachen geben, das befreit und lässt nachdenken. Ich bin kein Fan von überkandideltem, intellektuellem Theater. Ich will Theater für Jedermann machen. Eine Sprache wählen, die jeder versteht: eindringlich, intelligent, unterhaltsam.

    Interview durch Ulrike Schuster

    Münchner Merkur, Dienstag, 19. September 2017 - Andersdenkende werden untergebuttert

    Münchner Merkur, Dienstag, 19. September 2017

    Andersdenkende werden untergebuttert

    Das „Junge Bürgerhaus“ zeigt im Stück „Der Kanzler“, was passiert, wenn ein Bürgermeister und seine Fraktion zu viel Macht bekommen

    Unterföhring – Das „Junge Bürgerhaus“ zeigt nach einem Jahr intensiver Probenarbeit am Freitag und Samstag, 22. und 23. September, sein erstes Stück „Der Kanzler“. Das von der Gruppe und ihrer Leiterin Anschi Prott selbst erarbeitete Stück handelt von Mobbing, Korruption und Radikalisierung in einem Gemeinderat und ist eine schonungslose und sehr packende Auseinandersetzung mit Kommunalpolitik. Ein Stück, das in einem Jahr gereift ist: Die 14 jungen Ensemble-Mitglieder haben viel gelernt und sich ganz mit ihren Rollen identifiziert. Sie singen, musizieren, flirten und brüllen auf der Bühne.

    Das Stück erzählt, wie sich eine neu gewählte Gemeinderatsmehrheit durch ihr abwertendes und feindseliges Verhalten etabliert: Der neue Bürgermeister und seine Partei RFD haben die absolute Mehrheit, Andersdenkende werden untergebuttert. Der selbstherrliche Rathauschef und seine Fraktion gewinnen immer größeren Einfluss und planen gigantische Bauprojekte, erst recht als eine Bürgerin dem Ort mehr als 47 Milliarden Euro schenkt. Aus Armingen wird Reichingen, und die kleine Opposition wird fertiggemacht.

    Der Besuch der ersten Probe auf großer Bühne im Bürgerhaus beeindruckt: Die jungen Schauspieler haben ein Stück mit Witz und Ironie aus einem Guss geformt und schaffen es, beklemmende Gefühle zu transportieren. Schnarchende Gemeinderäte winken in einer öffentlichen Ratssitzung Millionen-Projekte gelangweilt durch. Sie werden aber plötzlich in der nicht-öffentlichen Sitzung munter und streiten bis aufs Blut, wenn es um 500 Euro für den örtlichen Nikolaus geht, der die Kinder der wachsenden Gemeinde beschenken will. Dem einen RFD-Gemeinderat wird ein Schönheitsstudio im Wolkenkratzer eingerichtet, der andere darf die Innenarchitektur gestalten, der nächste erhält den Auftrag für extrakostspielige Aufzüge. Aber als die Opposition eine Grünfläche beantragt, wird dieses Ansinnen unwirsch abgewiesen: „Die Zeiten, wo in unserem Dorf das Rindvieh noch über die Straße gelaufen ist, sind vorbei“, poltert Bürgermeister Peter Reichenbach, großartig und mitreißend gespielt von Tobias Volner (19).

    In diesem düsteren Ausblick auf die Kommunalpolitik könnte man Parallelen zu der Gemeinde Unterföhring sehen, die mit ihrem über die Jahre gewachsenen Gewerbegebiet reich gewordenen ist. Tatsächlich haben die Ensemble-Mitglieder Sitzungen im Rathaus besucht. „Nein“, sagt Projektleiterin Anschi Prott. Handlung und Bühnenfiguren seien frei erfunden. „Diese Strukturen sind überall vorfindbar.“ Sie erzählt, dass sie auch in Unterhaching und Gräfelfing den Kommunalpolitikern über die Schultern schaute.

    Vier Monate machte Anschi Prott, Schauspielerin, Regisseurin und Theaterpädagogin aus Unterföhring, mit den Teilnehmern Schauspieltraining. In Improvisationen erarbeitete sie Szenen mit den Schauspielern und fügte sie zum Drehbuch zusammen. „Dabei habe ich den Text immer wieder mit den Jugendlichen kontrolliert und sie gefragt: Sind es wirklich eure Gefühle, die ich rüberbringe?“

    Als das Kulturamt Unterföhring vor einem Jahr mit dem „Jungen Bürgerhaus Unterföhring“ ein neues Forum für junge Darsteller eröffnete, war ursprünglich das Stück „Die Welle“ geplant, in dem es um Mobbing, Manipulation und Extremismus in der Schule geht. „Aber einige von uns haben selbst Mobbing-Erfahrungen gemacht, so war
    das Stück zu nah dran an der eigenen Betroffenheit“, erzählt Tobias Volner im Gespräch nach der Probe, „wir brauchten mehr Distanz.“ Immer wieder diskutierten die Mitglieder die Dynamik der Macht, fanden Parallelen in der Türkei. Dazu kam die Trump-Wahl, die die jungen Leute zwischen 14 und 26 sehr beschäftigte.

    „Es ist natürlich schon eine spannende Frage, wie es möglich ist, dass eine Gruppe sich so radikalisiert“, sagt Kulturamtsleiterin Barbara Schulte-Rief. Das Ensemble bietet im Stück eine Antwort an, so viel sei verraten. Das Stück hat alle Teilnehmer verändert. „Wir haben uns alle sehr viel mit Politik beschäftigt“, sagt Alex Rader, sie will Politikwissenschaft studieren, Tobias dagegen, der Mitglied einer politischen Jugendorganisation ist, braucht erst mal Abstand.

    Jetzt aber fiebert die Truppe der Premiere entgegen. Wie wird das Publikum auf ihr Stück reagieren? Und wie kommen die Lokalpolitiker damit klar? „Da sind wir alle sehr gespannt“, sagt Maria.

    CHARLOTTE BORST

    Süddeutsche Zeitung, Mittwoch, 20. September 2017 - Lehrreiche Machtspiele

    Süddeutsche Zeitung, Mittwoch, 20. September 2017

    Lehrreiche Machtspiele

    Das Ensemble des jungen Bürgerhauses Unterföhring zeigt in einem selbst erarbeiteten Stück am Beispiel eines Dorfes überspitzt, wie schnell die Stimmung umschlagen und eine Demokratie zerstört werden kann

    Unterföhring – Tobias Volner streckt die Arme in den Himmel, faltet die Hände über seinem Kopf zu einer Siegerpose. „Danke, danke“, ruft er dem Publikum zu. Der 19-Jährige wurde gerade zum Bürgermeister gewählt, er spielt die Hauptrolle im ersten selbst erarbeiteten Stück des Theaterprojekts des Jungen Bürgerhauses in Unterföhring, das an diesem Freitag, 22. September, pünktlich zur Bundestagswahl, im Bürgerhaus seine Premiere feiert. 14 Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 14. bis 26 Jahren haben sich an dem Projekt beteiligt. Die Gruppe bekam Schauspieltraining, probte zweimal in der Woche unter professioneller Leitung und Regie von Anschi Prott, selbst Schauspielerin, Regisseurin, Theaterpädagogin.

    In ihrem Stück „Der Kanzler – er MACHT mehr“ hinterfragt das junge Ensemble politische Strukturen, die Szenen sind teilweise grotesk, gewürzt mit Ironie, Witz und Sarkasmus. Die Politsatire provoziert und regt zum Nachdenken an: Das Dorf Armingen wird in dem Stück mit der Wahl des neuen Bürgermeister Peter Reichenbach zu Reichingen. Volner beschreibt seine Rolle Peter Reichenbach als „ein bisschen durchgeknallt, aber nett und sympathisch“. Er schafft es, die Bewohner auf seine Seite zu ziehen.

    Mehr und mehr Wolkenkratzer entstehen in dem Dorf, obwohl die rot-grüne Opposition dagegen ist. Die neue, selbstherrliche Partei „Reichenbach für Deutschland“ (RFD) gewinnt immer mehr an Einfluss. RFD mag nach AfD klingen, ist aber laut Prott keine Anspielung darauf. Die fiktive Partei im Stück soll verdeutlichen, wie schnell die politische Stimmung in einem Land umschlagen kann, bis hin zum Zerfall der Demokratie. Die wenigen, die anders denken, werden aus der Dorfgemeinschaft gemobbt, die Gesellschaft gleichgeschaltet, Gegenstimmen ignoriert. „Besonders in einem Dorf kann das schnell passieren“, sagt Prott. Den Zuschauern wird verdeutlicht, wie leicht Menschen manipulierbar sind. Im Stück wird Reichenbach am Ende sogar zum Kanzler gewählt.

    Das Stückt wirkt authentisch, die Jugendlichen haben auch Gemeinderatssitzungen in Unterföhring besucht und analysiert, um sich für die Geschichte inspirieren zu lassen. Prott betont aber, dass sich das Stück auf Kommunalpolitik im Allgemeinen bezieht. „Jede Ähnlichkeit mit lebenden, toten, öffentlichen Personen ist nicht beabsichtigt und wäre rein zufällig“, heißt es in der Stückbeschreibung, wobei durchaus ein ironischer Unterton mitschwingt.

    Der Gruppe hat das Projekt geholfen, Politik besser zu verstehen und andere Sichtweisen einnehmen zu können, außerdem wurde ihr politisches Interesse gestärkt. Alexandra Rader, die in dem Stück eine Politikerin der Opposition spielt, möchte nun Politikwissenschaften studieren. Maria Abuter Grebe, in dem Stück Teil der RFD, merkte, dass man als Politiker extrem viel Verantwortung hat: „Es ist ein gruseliges Gefühl, die Geilheit von Macht zu spüren.“

    Das junge Ensemble überzeugt. Die Jugendlichen identifizieren sich sehr mit ihren Rollen, da sie das Stück selbst mitentwickelt haben. Besonders Volner scheint mit seiner Rolle verwachsen zu sein, er spielt Theater seit er fünf Jahre alt ist. „Schon meine Oma sagte früher zu mir: Bua, du wirst mal Bürgermeister“, erzählt er. Mittlerweile glaube er allerdings nicht mehr, dass er Bürgermeister werden möchte.

    FRANZISKA BOHN

    Münchner Merkur, Dienstag, 26. September 2017 - Der Kanzler: Zu stark für Applaus

    Münchner Merkur, Dienstag, 26. September 2017

    „Der Kanzler“: Zu stark für Applaus

    Unterföhring – Mit ihrem Theaterprojekt „Der Kanzler“ haben die Mitglieder des neu gegründeten Ensembles „]unges Bürgerhaus“ in Unterföhring ihr Premierenpublikum beeindruckt. Die Zuschauer erlebten aber auch Gefühle großer Beklommenheit.

    Das selbst erarbeitete Stück beschreibt, wie sich ein Dorf radikalisiert. Das Publikum hielt den Atem an. Manch einer berichtete im Zuschauergespräch, wie sehr ihn die Mobbing-Szenen erschaudern ließen, von denen einige, wie die Schauspieler später berichteten, auf eigenen Erfahrungen beruhen. „Es ist ein gruseliges Stück“, sagte Grünen-Gemeinderat Johannes Mecke, „weil ich Angst habe, dass so etwas Wirklichkeit werden könnte.“

    Die Opposition besteht nur noch aus vier Damen. Deren Einwände werden in den nicht-öffentlichen Sitzungen übergangen und ihre Anträge abgeschmettert. Verzweifelt reckt eine SPD-Gemeinderätin (Alexandra Rader) die Arme und fleht: „Hört zu. Hört zu. Hört endlich zu.“ Die selbstherrliche Partei „Reichenbach für Deutschland“ (RFD) unter dem neu gewählten Bürgermeister Peter Reichenbach (genial gespielt von Tobias Volner) unterdrückt Andersdenkende und grenzt sie aus. Am Beispiel der fiktiven Partei RFD – deren Name zwar an die AfD erinnert, aber laut Regisseurin Anschi Prott als allgemeine Chiffre für radikale Parteien steht – wird deutlich, wie leicht eine Demokratie zerstört werden kann. Die beklemmenden Rückblenden führen vor Augen, dass die Täter der RFD in ihrer Jugend selbst Opfer von Mobbing und Gewalt waren. Der Hauptamtsleiter (Moritz Törsiep) etwa erlebt als junger Mann in seinem, vom Vater dominierten Elternhaus einen unerträglichen Leistungsdruck. Bei einem Mittagessen kündigt der Vater (Vincent Kruthof) an, dass er ein 1,0 Abitur erwarte, die Mutter (Anita Martini) wagt dem nicht zu widersprechen. Als die Abi-Note mit 1,7 unter den Erwartungen bleibt, zieht der gewalttätige Vater den Gürtel, um den Versager-Sohn zu strafen. Das Publikum sieht den gedemütigten jungen Mann, wie er versucht, sich mit einem Schuss in den Kopf das Leben zu nehmen.

    Dann aber lässt er die Pistole sinken und vollzieht die Metamorphose zum Täter: Er stampft mit einem Fuß auf und reißt den Arm an die Brust. Eine Drohgebärde, die auch alle anderen Mobbingopfer im Laufe des Stücks zeigen und die zum Symbol der Radikalisierung wird.

    Gesangs- und Klaviereinlagen lockern das Stück auf. Fulminant mitreißend sind die Auftritte von Fabrice Vetter in der Rolle des abservierten Altbürgermeisters und als Gigolo in rosa Lackstiefeln und knapper Lederhose. Das Publikum, darunter neben Eltern und Freunden viele Gemeinderäte, konnte an bedrückenden Stellen jedoch nicht mehr applaudieren. „Es war ein Wechselbad der Gefühle“ sagt CSU-Gemeinderat Franz Solfrank: „Besonders beeindruckt haben mich aber die Szenen aus dem Privatleben: aus der Schule oder aus den Familien. Ganz toll ist, dass jeder einzelne Schauspieler in so unterschiedlichen Charakteren zu sehen war.“

    Als Bürgermeister Andreas Kemmelmeyer (PWU) nach der Premiere gratuliert, stellt er klar: „Wir fetzen uns auch, aber so sind wir nicht.“ Die schauspielerische Leistung habe ihn sehr beeindruckt. Er warnt: „Lasst Euch nie manipulieren. Bringt Euch unterstützend in Eurem Ort ein und macht das Kreuz an der richtigen Stelle.“ Das Projekt „Junges Bürgerhaus“ werde fortgesetzt und ein weiteres Jahr bezuschusst. Die 14 Schauspieler sowie Projektleiterin und Regisseurin Anschi Prott haben starke Gefühle im Publikum wach gerufen. Am Ende gibt es stehende Ovationen.

    CHARLOTTE BORST

  • Szenenfotos

    Fotos von der Hauptprobe am 18. September 2017 im Bürgerhaus Unterföhring. Alle Fotos sind © Copyright by Andreas Prott.

  • Videos

    Kurzer Trailer

  • Feedback der Teilnehmer aus dem Abschluss-Workshop

    mein Selbstbewusstsein hat sich erheblich verbessert/Auftreten ist viel sicherer
    Sprechlautstärke hat sich sehr verbessert
    Habe gelernt, was Subtext ist und gelernt, ihn auszudrücken
    kann jetzt frei vor Gruppen sprechen
    man konnte insgesamt viel lernen – das hat bis zum Schluss – ein Jahr über – viel Spaß gemacht
    mein Fokus als Zuschauer ist jetzt viel mehr beim Schauspieler: wie bringt er was und warum und achte jetzt auf Handlung und die Zeichen
    Gelernt, konstruktives Feedback zu geben
    der unglaubliche Fortschritt von jedem Einzelnen, die wundervolle und professionelle Hilfe von Anschi
    eine schöne Erinnerung daran, dass Theater eines der besten Dinge auf dieser Welt ist. Ich brauche das!
    ich kann jetzt Gefühle zeigen
    ich fand das langsame Herantasten an das Schauspiel gut
    kann jetzt die Perspektiven anderer viel besser verstehen
    professionelle Schauspieltraining ist ganz anders, als wenn man in einer Schule oder in einer Laiengruppe spielt
    politisches Bewusstsein gewonnen
    Habe durch das Theater sehr sehr viel gelernt: neben Auftreten und richtig sprechen sich voll und ganz auf eine Sache zu fokussieren
    dass Teamwork so unglaublich wichtig ist – wir waren ein Team, ein tolles Ensemble
    hatten trotz harter Probenarbeit immer viel Spaß
    noch mehr Zeit für Sprechtraining, mehr individuelle Förderung
    toll waren die gemeinsamen Gruppenaktivitäten, keine Teilung
    der Moment des ehrlichen Applauses war erregend und dass wir uns in dem Moment sicher waren, dass hunderte Zuschauer begeistert waren, dass wir es wirklich geschafft hatten, das Publikum zu faszinieren
    kann jetzt Theater viel mehr beurteilen als früher, weiß jetzt, worauf es ankommt, damit ein Theaterstück gut wird
    habe nie gedacht, dass ich so viel lernen kann
    obwohl die Zeit knapp ist – Zeit für mehr Spiele
    am Anfang dachte ich Theaterpädagogik naja – schau halt mal vorbei: aber jetzt weiß ich, es hat sich gelohnt – habe wirklich viel Respekt vor deiner Arbeit, Anschi
    die Probentage sind meine Lieblingstage geworden
    die Proben auf der richtigen Bühne waren mega
    Mobbingszenen zu erarbeiten und zu spielen
    Projekt muss unbedingt weiter gehen
    Spaß bei den Proben, Lockerheit, Humor
    obwohl wir alle so unterschiedlich waren – auch vom Alter her – sind wir eine tolle Gruppe geworden mit toller Leitung
    eine geile Zeit, für die ich mich von ganzem Herzen bedanken will